Anlässlich des Jubiläums „20 Jahre Wende“ erinnert die Stadtverwaltung Eisenach in unregelmäßigen Abständen mit „Historischen Kalenderblättern“ für die Zeit vom 10. September bis 26. Oktober an wichtige Ereignisse der Wendezeit in Eisenach. Es wurde eine Auswahl aus den Ereignissen und Begebenheiten getroffen und das Kalendarium erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Teil 1 - Brief aus Weimar - 10. September 1989
Von kaum zu unterschätzender Bedeutung für die politische Entwicklung, die im Herbst 1989 schließlich zur friedlichen Revolution führte, ist der sogenannte „Brief aus Weimar“. Vier in kirchlichem Dienst stehende CDU-Mitglieder aus Thüringen (damals Bezirk Erfurt) hatten ihn verfaßt und am 10.September an den Hauptvorstand sowie an alle Bezirks- und Kreisvorstände ihrer Partei versandt.
Die Bedeutung dieses Dokumentes wird bei einem Blick auf den gesellschaftspolitischen Rahmen deutlich:
- Am 7. Mai 1989 hatten die Partei- und Staatsführung der DDR die Bevölkerung zu Kommunalwahlen aufgerufen. Das ganz offensichtlich gefälschte Wahlergebnis löste in weiten Teilen des Volkes Unmut und Wut aus. Die Menschen fühlten sich belogen und entmündigt.
- Am 4. Juni richtete das chinesische Militär ein blutiges Massaker unter friedlich protestierende Studenten auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking an. Die Volkskammer der DDR wertete die friedlichen Proteste der Studenten als konterrevolutionär und übermittelte der chinesischen Staats- und Parteiführung nach dem Massaker „solidarische Grüße“.
- Bereits seit Mai begannen Ungarn und Österreich mit dem Abbau ihrer Grenzanlagen.
- Tausende DDR-Bürger nutzen dies zur Flucht „über die grüne Grenze“.
- In Budapest und in Prag suchten hunderte DDR-Bürger Zuflucht in den Botschaften der Bundesrepublik. Gleiches geschah in der Ständigen Vertretung der BRD in der Ostberlin. Tausende Menschen überlegten, das Land zu verlassen. Die Zahl der Ausreiseanträge stieg unaufhörlich. Die „DDR-Offiziellen“ reagierten darauf in den Medien mit der Äußerung, diesen Bürgern „keine Träne nachzuweinen“.
Viele DDR-Bürger erfüllte die Entwicklung mit Sorge, eine gewisse Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Mit dem häufig gebrauchten Ausspruch „der letzte macht das Licht aus“ wurde versucht, dem mit Galgenhumor zu begegnen.
In dieser Situation entstand der „Brief aus Weimar“, verfasst u.a. von Eisenachs Oberkirchenrat Martin Kirchner. Der Brief benannte in 30 Punkten die Probleme in Staat und Gesellschaft. Ungewohnt offen legten er die Finger auf die Wunden, benannte zugleich aber konkret Forderungen und Lösungsansätze. An vorderster Stelle standen die Demokratisierung von Kultur und der Wirtschaft, die Forderung nach der Mündigkeit der Bürger, der Reisefreiheit und der Freiheit der Meinungsbildung. In einer hochsensiblen Zeit nahmen die Unterzeichner dieses Briefes ihre Verantwortung als Kirchenfunktionäre und Mitglieder ihrer Partei wahr. Stellvertretend für die von ihnen repräsentierten Einrichtungen boten sie den Bürgern ein Ventil. Dafür standen sie mit ihrem Namen.
Bezeichnend für die damalige Zeit war, dass dieses richtungweisende Dokument zunächst nur über die sogenannten Westmedien bei der DDR-Bevölkerung bekannt wurde. Erst Ende Oktober 1989, als die „friedliche Revolution“ kurz vor ihrem Höhepunkt stand, fand das CDU-Zentralorgan „Neue Zeit“ den Mut, den Brief zu veröffentlichen.
Teil 2 - V. Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR im Haus Hainstein
Vom 15. bis 19. September tagte im Haus Hainstein die Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, ein föderaler Zusammenschluss seiner Gliedkirchen - der acht auf dem Gebiet der DDR bestehenden evangelischen Landeskirchen.
Höchster Repräsentant des Bundes war 1989 Thüringens Landesbischof Dr. Werner Leich. Unter seiner Leitung sollte die Synode das Thema „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ behandeln, doch wurde Kirchliches verdrängt durch aktuelle gesellschaftliche Probleme wie notwendige Reformen, Reisefreiheit und Demonstrationsrecht. Die Kirchenvertreter äußerten u.a. ihre Sorge über die lähmende Stagnation im politischen Bereich, über das Verdrängen offensichtlicher Konflikte und über die wachsende Unruhe in der DDR-Bevölkerung hinsichtlich der Ausreisewelle. Offen übten die Synodalen Kritik an der Reformunwilligkeit der DDR-Regierung. Ausdrücklich ermutigte man die Bürger, ihre kritischen Meinungen durch gewaltfreien Demonstrationen zum Ausdruck zu bringen. Es wurde festgestellt, dass immer mehr Menschen im Land sich bemühten, Reformprozesse anzustoßen. An dieser Stelle waren sich die Kirchenvertreter einig, dass die Kirche politische Verantwortung zu übernehmen habe.
Am Rande der Eisenacher Tagung der Bundessynode wurde der von vier in kirchlichem Dienst stehenden CDU-Mitgliedern verfasste „Brief aus Weimar“ bekannt gemacht. Er wandte sich an die Mitglieder und Vorstände der CDU in der DDR mit der Aufforderung, die aktuellen Probleme im Lande realistisch und unbeschönigt wahrzunehmen, sie offen zu erörtern und Vorschläge zu ihrer Lösung zu unterbreiten.
Kenntnis erhielten die Kirchenvertreter auf der Synode auch über die erst wenige Tage zuvor in Berlin gegründete DDR-Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“ und deren „Aufruf zur Einmischung in eigener Sache“.
Am letzten Beratungstag verabschiedeten die Synodalen einen Beschluss zur gegenwärtigen Lage in der DDR. Er wurde die Grundlage für eine Mitteilung an die Gemeindemitglieder, die später in den Gottesdiensten verlesen wurde.
Ausführlich berichteten die westdeutschen Medien über die Synode in Eisenach. Das SED-Parteiorgan „Neues Deutschland“ sprach von einer „Frontberichterstattung“ und kommentierte die verabschiedeten Beschlüsse als „Großdeutsche Ladenhüter“, als „alten Quark, als Frischkäse angeboten“.
Die Bedeutung der Synode sehr viel richtiger einschätzend, schrieb Dr. Gerhard F. Hasse, viele Jahre Leitender Chefarzt und Chirurg am Diakonissen-Krankenhaus und Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, ein gutes Jahre nach den Ereignissen: „So richtig angefangen hatte alles in Eisenach für mich eigentlich mit der Tagung der Bundessynode der evangelischen Kirchen ... Das mutige Wort des Landesbischofs und die unterstützende Erklärung der Synode rechneten ab mit den Mißständen in der DDR auf dem Gebiet der Meinungsfreiheit, der Reisefreiheit, des Bildungswesens.“
Teil 3 - 7. Oktober 1989: 40. Jahrestag der Gründung der DDR
Der 7. Oktober 1989 war ein Samstag. Er war ein verregneter Tag. Auf dem Marktplatz feierte Eisenach bereits seit Wochenbeginn ein Herbstfest. Für den „Republikgeburtstag“ wurde ein buntes Marktreiben angekündigt. Das Wartburg-Ensemble trat auf der Tribüne neben dem Rathaus auf. In der Wandelhalle gab es Blasmusik und auch ein Kinderprogramm. Das nebenan gelegene Pionierhaus lud ein zum Pionierfest mit Bastelstraße.
Bereits die Tage zuvor standen im Zeichen des 40. Jahrestags: in der Katharinenstraße wurde die 20.000. Wohnung, die seit dem VIII. Parteitag der SED im Kreis gebaut wurde, übergeben; eine Delegation aus der befreundeten französischen Stadt Sedan kam anlässlich des 40. Jahrestages nach Eisenach; im Rokokosaal zeichnete die Stadt 100 verdienstvolle Bürger und Kollektive im Wettbewerb „Schöner unser Eisenach – Mach mit!“ aus; die Eisenacher Teilnehmer am FDJ-Fackelzug in Berlin wurden am Bahnhof feierlich verabschiedet; der Posaunenchor blies vom Schloßturm zum Nationalfeiertag; die Schülerinnen und Schüler aus Eisenacher Schulen trafen sich zu einem Lampion-Umzug; auf der Wartburg trat der Dresdner Kreuzchor auf; im Hotel Stadt Eisenach traf man sich zum „Ball der Besten“ – in diesem Rahmen wurde die Stadt Eisenach, vertreten durch Bürgermeister Joachim Klapczynski, im Wettbewerb „Schöner unsere Städte und Gemeinden“ ausgezeichnet
Die eigentliche Festveranstaltung zum 40. Jahrestag der DDR war am 6. Oktober. Dazu luden die Kreisleitung der SED, der Rates des Kreises und der Kreisausschuss der Nationalen Front in das Landestheater ein. Die Festansprache hielt Klaus-Dieter Waschau, 1. Sekretär der SED-Kreisleitung. Als musikalische Umrahmung spielte die Landeskapelle die Nationalhymne der DDR und den ambitionierten Schlusssatz aus Beethovens 9. Sinfonie „Alle Menschen werden Brüder“.
Teil 4 - 10. Oktober 1989 - Demokratischer Aufbruch und Neues Forum stellen sich vor
Am 10. Oktober notierte Margot Friedrich in ihrem Tagebuch: „Sonst tat sich noch nichts in Eisenach“. Das „sonst“ bezog sich dabei auf eine Informationsveranstaltung, die an jenem Abend in der Paul-Gerhardt-Kirche stattgefunden hatte. Der Demokratische Aufbruch und das Neue Forum stellten sich vor.
Unter der Oberfläche aber brodelte es gewaltig. „In den letzten Stunden nehmen die Diskussionen zu den erfolgten genehmigten Aussiedlungen von Personen, die die BRD-Botschaft in Prag blockiert hatten, unter der Bevölkerung zu“, teilte die Kreisdienststelle Eisenach der Staatssicherheit ihrer vorgesetzten Behörde am 5. Oktober mit. „In der sturren (!) Führung unserer Partei- und Staatsführung“ erkannten die Sicherheitsoffiziere wohl nicht ganz zu Unrecht einen Hauptgrund für die Massenflucht.
Doch zurück zu jener Veranstaltung, die am 10. Oktober etwa 500 Menschen zur Eisenacher Paul-Gerhardt-Kirche lockte. Nur 300 fanden Platz in dem kleinen Domizil; weitere 200 blieben vor der Kirche. „Wir informieren“, so Margot Friedrich, „so gut wir können, über die vielfältigen Initiativen, die das Land durcheinanderbringen. Die Stimmung ist aufgeregt. Scharfe Diskussionen.“
Für die Eisenacher Staatssicherheit schien die Veranstaltung von besonderer Bedeutung. Bereits einen Tag später ging eine vierseitige Operativ-Information an die Vorgesetzten nach Erfurt. In der brüstete man sich, vorab mit einigen der führend beteiligte Personen „Disziplinierungsgespräche“ geführt zu haben - mit dem Erfolg, dass es „nicht zu einer nachfolgenden Demo oder anderen Provokationen“ gekommen sei. Aber auch darauf wäre die Behörde mit dem „langen Namen“ vorbereitet gewesen.
Bereits seit Herbst 1988 gab es eine Vereinbarung der Staatssicherheit mit Polizeikräften über das politisch-operative Zusammenwirken (POZW) „bei Untersuchungshandlungen gegen größere Personengruppen, die mit provokativ-demonstrativen Handlungen in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten.“ Im Klartext: Hätte sich eine öffentliche Oppositionsbewegung in Eisenach zu diesem Zeitpunkt gebildet, so wären die vermuteten „Rädelsführer“ sofort verhaftet worden. „Zuführung der handelnden Personen“ in „das Objekt der SV Dynamo am Siebenborn“ und deren „sofortige Befragung“ – sprich: Verhör – durch Mitarbeiter der Kriminalpolizei, sah das Papier vor. Man hoffte so, größere oppositionelle Bewegungen in Schach halten zu können.
Es ist zu diesem Szenario nie gekommen. Auch nicht im Herbst des Jahres 1989, der die friedliche Revolution einleitete.
Teil 5 - 23. Oktober - Das erste Friedensgebet
„Erstes Friedensgebet – unglaubliche Menschenmassen. In der Kirche und vor der Kirche. Schätzung: 5000“ – mit diesen emotionalen Worten beginnt der Eintrag Margot Friedrichs in ihrem „Tagebuch der Revolution“ unter dem 23. Oktober.
Unabhängig davon, dass die Eisenacher Staatssicherheit durch ihren „Inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) eine Teilnehmerzahl von 4000 ermittelt hatte, bleibt es unverkennbar: Die Anzahl der politisch Interessierten hatte sich gegenüber der Veranstaltung am 10. Oktober in der Paul-Gerhard-Kirche nahezu verzehnfacht. Die „Eisenacher Revolution“ hatte Fahrt aufgenommen, war nun zu einer Massenbewegung geworden.
Völlig zu Recht konstatierte der Landesjugendpfarrer Christhard Wagner, der die Veranstaltung eröffnete: „Wir erleben voller Hoffnung, dass unser Land in Bewegung gerät. Viele warten nicht mehr vor dem Fernseher, dass sich etwas ändert, sie fangen dort an, wo Veränderung am schnellsten möglich ist, sie ändern sich selbst, sie gewinnen ihre Sprache und Würde zurück und staunen, wie daraus etwas Hoffnungsvolles wächst.“
Wie armselig dagegen die Berichterstattung des IM, der Wagner nur jene ironische Äußerung zuschreibt, wonach „es jetzt viele Politiker in der DDR gäbe, die versuchen, neue Jacken anzuziehen, und seltsamerweise würden diese neuen Jacken allen passen.“
Anschließend berichtete Landesbischof Dr. Werner Leich über sein Gespräch mit dem neuen „Ersten Mann“, Egon Krenz am 18. Oktober. Leich konfrontierte Krenz bei diesem Gespräch mit den zahlreichen Mißständen im Land und stellte u.a. fest das ein neues Wahlverfahren notwendig sei, „das dem einzelnen Bürger die Möglichkeit gibt, durch seinen Stimmzettel eine persönliche Entscheidung über den Kandidaten und das vertretene Programm zu fällen“. Er forderte „Rechtsstaatlichkeit mit dem Grundsatz: gleiches Recht für alle“ sowie „Gespräche über Bildungswesen und Wehrdienst im zivilen Bereich.“ Die Versammelten lauschten mit zunehmender Leidenschaft den Ausführungen - und mancher musste sich gewiss dazu zwingen, der einleitenden Bitte des Landesjugendpfarrers zu entsprechen und Beifallsbekundung nicht durch Trampeln mit den Füßen zum Ausdruck zu bringen, da dies die Statik der Kirche nicht aushalte. Anschließend sprachen noch Dr. Hasse, Margot Friedrich, Christhard Wagner, Oberkirchenrat Martin Kirchner sowie Reinhard Lorenz vom Landestheater Eisenach über mögliche weitere Initiativen auf dem Weg der friedlichen Revolution.
Unvergessen blieb den Teilnehmern, wie der Landebischof anschließend den Georgenbrunnen „erklomm“, um von hier aus zu jenen zu sprechen, die nicht in der Kirche sein konnten. Erst gegen 21 Uhr endete das erste Eisenacher Friedensgebet in der Georgenkirche.
Teil 6 - 25. Oktober 1989 - Gründung des Neuen Forums in Eisenach
„Zum ersten großen oppositionellen Ereignis in der Öffentlichkeit wurde die Gründung des Neuen Forums am 9. September in Grünheide in der Wohnung von Katja Havemann“, schreibt Erhart Neubert in seinem Buch „Unsere Revolution“.
Schon bald nach der Gründung des Neuen Forums (NF) zeigten sich auch in Eisenach erste Sympathisanten. So bemerkte die Staatssicherheit in ihrem Wochenbericht vom 25. bis 30. September, dass die Beschäftigten des Hotels „Stadt Eisenach“ die Gründung begrüßt hätten und nicht verstehen könnten, weshalb dem Neuen Forum staatlicherseits die Zulassung versagt würde.
Die Ideen des Neuen Forums wurden von den Eisenacher Gruppen, die im Herbst 1989 die friedliche Revolution vorantrieben, aufgegriffen. Zu den 4. Eisenacher Umwelttagen am 30. September fand man Aufsteller mit dem Text „Aufbruch 89 – Neues Forum“ sowie informative Handzettel und die namentliche Nennung der Erstunterzeichner. Von ihren „Inoffiziellen Mitarbeitern“ (IM) irre geleitet, hielt die Staatssicherheit bereits diese Veranstaltung für die Gründung des Neuen Forums in der Wartburgstadt. Doch bedurfte es noch weiterer Informationsabende, um die Ideen des NF zu verbreiten. Es folgte eine eindrucksvolle Manifestation politischer Interessiertheit der Eisenacher Bürger am 10. Oktober in der Paul-Gerhard-Kirche, die wohl mancher mit dem festen Vorsatz verließ, sich der einen oder anderen politischen Gruppierung nun aktiv anzuschließen.
Eine Woche später, am 16. Oktober, versammelten sich erneut Hunderte, nun im evangelischen Gemeindezentrum „Hinter der Mauer“. Der Bedarf an Informationen, an Nachrichten, an politischen Programmen war groß, und so mancher hat die an diesem Abend dort ausliegenden Einschreibelisten für Sympathisanten des NF um seinen Namen bereichert. Margot Friedrich vermerkt in ihrem Tagebuch am 16.10. 1989: „Nächster Info-Abend hinter der Mauer. Über 300 Menschen, schwer zu schätzen. Woanders sind es Tausende. NF hat über 2500 Mitglieder. Da geht was los.“
Die Interessengruppe umfasse inzwischen 25 Mitglieder, so vermutete die Staatssicherheit. Doch das waren gewiss nur jene, die den in Gang gekommenen Prozess vorantrieben. Und immer mehr Menschen schlossen sich der Bewegung an.
Der 25. Oktober gilt schließlich als das Gründungsdatum des Neuen Forums in Eisenach. Dem Tagebuch von Margot Friedrich ist unter dem Datum vom 26. Oktober zu entnehmen: „Gestern gründete sich das NF mit rund 800 Leuten im Syltenhaus.“ Es wurden Schriften verteilt und Arbeitsgruppen gebildet. Gut sechs Wochen nach der „zentralen Gründung“ gab es nun auch ein Neues Forum in Eisenach.
Teil 7 - 26. Oktober 1989: Gründung des Demokratischen Aufbruchs in Eisenach
Die Anfänge des Demokratischen Aufbruchs (DA) reichen in den August des Jahres 1989 zurück, als in Dresden erste Initiativen entfaltet wurden. Auch in Thüringen war der DA schon früh aktiv geworden. Am 26. September wurde er in Erfurt erstmals öffentlich vorgestellt. Die tatsächliche Gründung sollte am 1. Oktober in Berlin stattfinden. Die Eisenacher Margot Friedrich und Dr. Gerhard F. Hasse waren aktiv beteiligt. Sie brachten die Ideen und Informationen der neuen Bürgerbewegung in die Wartburgstadt.
Wann die erste Informationsveranstaltung in Eisenach stattfand, ist nicht ganz klar. In den Berichten der von der Staatssicherheit angeheuerten „Inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) ist die Rede davon, dass schon am 5. Oktober im Cafe „Hinter der Mauer“ erste Informationen über den DA und dessen politische Ziele die Eisenacher erreicht hätten.
Von größerer Bedeutung aber waren die Abende am 10. und 11. Oktober in der Paul-Gerhardt-Kirche. Hunderte Eisenacher versammelten sich. Sie sind, wie Margot Friedrich schreibt, „hungrig nach Informationen. Und nach Veränderungen.“ Die Ziele des DA wurden vorgestellt.
Eine Woche später, am 16. Oktober, trafen sich erneut die an Veränderungen interessierten Eisenacher im Cafe Hinter der Mauer. Wieder waren es zwischen 200 und 300 Menschen. Nicht immer war es leicht, in der emotionalen Atmosphäre konkrete Arbeitsschritte festzulegen. Doch vereinbarte man nun, auch in Eisenach den Demokratischen Aufbruch zu gründen. Einen Tag später traf man sich bei Margot Friedrich in der Wohnung und bereitete hier nicht nur die Gründung sondern auch das erste Friedensgebet, das in wenigen Tagen stattfinden sollte, vor.
Am 26. Oktober war es schließlich soweit: „Wir gründen den DA. Ein regelrechter Menschenstrom zieht den Hügel zum Falkhaus hinauf“, schreibt Margot Friedrich. Nur einen Tag nach dem Neuen Forum wurde an diesem Abend die zweite große Oppositionsbewegung in Eisenach gegründet. Die friedliche Revolution am Fuß der Wartburg hatte eine weitere wichtige Organisationsplattform erhalten.
Folge 8 - 28. Oktober: Erste demokratische Aussprache über die Stadtsanierung
Am Samstag, 28. Oktober 1989 lud der Rat der Stadt Eisenach über die lokale Presse die Eisenacher Bürger in die Aula des Instituts für Lehrerbildung (IfL - heute Luther-Gymnasium) am Predigerplatz ein, um am selben Vormittag in einen Dialog zu treten über das „Eisenach heute und morgen“. Trotz der kurzfristigen Bekanntgabe des Termins war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Sicher war dies ein Hinwies auf den „Demokratie-Hunger“ in der Bevölkerung, aber auch auf die Brisanz des Themas, das sich hinter dem allgemeinen Titel verbarg.
Ausgangspunkt dieser ersten demokratischen Bürgeraussprache war der augenscheinliche Verfall der innerstädtischen Bausubstanz. Der Verfall hatte beängstigende Ausmaße angenommen, ganze Häuserzeilen wurden abgerissen und es drohte die Bebauung innerstädtischer Quartiere mit Plattenbauten. Die von mittelalterlichen Straßenzügen geprägte Innenstadt Eisenachs drohte unwiederbringlich ihr Gesicht zu verlieren.
Dieses düstere Szenario wurde in einem Leserbrief beschreiben, der wenige Tage zuvor erschienen war. Darin heißt es: „Was bleibt dann von unserer historischen Stadt und ihrem unverwechselbaren Bild? Zwischen uniformen Betonfertigteilhäusern wird es dann einzelne, denkmalgeschützte Inseln, einen Marktplatz und einige wenige, bereits durch Abrißlücken aufgelockerte Straßenzüge geben.“ Und weiter: „Bürger identifizieren sich im allgemeinen mit ihrer Stadt. Doch mit solch ausgedehnten Abrissen geht auch ein Teil unserer Identität verloren.“
Der Diskussion im (IfL) stellten sich neben Vertretern des Rates des Kreises auch Funktionäre vom Rat der Stadt - allen voran Bürgermeister Joachim Klapczynski und Stadtbaudirektor Johannes Jaschinski. Sie warteten mit der stolzen Zahl von 9600 Wohnungen auf, die in Eisenach neu gebaut wurden. Das zog sofort die Frage eines Bürgers nach der Zahl der in den vergangenen Jahren verfallenen oder vernichteten Wohnungen nach sich.
Deutliche Kritik mußten sich die städtischen Vertreter für ihren Umgang mit Problemen der Bürger gefallen lassen. Es wurden auch sachliche Forderungen erhoben, zum Beispiel dass die 70 nach Berlin beorderten Arbeitskräfte des Kreisbaubetriebes „für dringlichste Aufgaben in die Stadt zurückzuholen“ seien. Stadtbaudirektor Jaschinski versprach, die Bebauung der Innenstadt und der Katharinenstraße wenige Wochen später in einer Einwohnerversammlung vorzustellen.
Bürgermeister Klapczynski schlug vor, Zusammenkünfte dieser Art zu einem bestimmten Themenkreis regelmäßig weiterzuführen.
So konnte letztlich ein positives Fazit gezogen werden. Alle Teilnehmer engagierten sich und ein Bürger brachte es auf die auf die Formel: „Die Liebe zur Stadt zeigt sich im Engagement für die Stadt.“
Folge 9 - 1. bis 4. November: Dialogabende und Bürgerversammlungen
Am Ende der ersten demokratischen Aussprache zwischen den Vertretern des Rates der Stadt und des Kreises mit Bürgern Eisenachs am 28. Oktober in der Aula des Instituts für Lehrerbildung (siehe Kalenderblatt 8), schlug Bürgermeister Joachim Klapczynski vor worden, solche Aussprachen künftig regelmäßig weiterzuführen.
Dies geschah bereits wenige Tage später am 1. November im Friedrich-Wolf-Klubhaus am Ofenstein. Hier hatten sich mehrheitlich Mitglieder des Kulturbundes und weitere engagierte Bürger eingefunden, um mit dem 1. Sekretär der SED-Kreisleitung, Klaus-Dieter Waschau zu diskutieren. Die Thüringische Landeszeitung charakterisierte die Zusammenkunft so: „Mehr Monolog als Dialog“. Einzelne Bürger berichteten von ihren Sorgen und Nöten, von ihren Problemen im DDR-Alltag. Ausführlich berichtete der Fotograf Hans-Ulrich Kneise über seine Bemühungen, in seinem eigenen Haus in der Karlstraße eine Fotogalerie des Kulturbundes einrichten zu dürfen. Dieser Jahre währende Kampf mit staatlichen Reglementierungen und Bürokratie kostete ihn viel Kraft. Andere Redner stellten die soziale Gerechtigkeit in der DDR in Frage und verurteilten die Sprachlosigkeit der SED-Parteifunktionäre vor Ort in dieser brisanten Zeit.
Am Donnerstag, 2. November fanden sich rund 5000 Bürger (!) der Stadt in der Sporthalle an der Katzenaue ein. Der Diskussion stellten sich Vertreter der Staatsorgane, der Parteien und Massenorganisationen, aber auch der basisdemokratischen Gruppen. Diskussionsleiter war Uwe Ehrich (CDU). An den Pranger stellten Bürger vermeintliche Privilegien der SED-Kreisleitung und des AWE-Betriebsdirektors. Angesprochen wurden Probleme einzelner Bürger, aber auch Probleme grundsätzlicher politischer Natur.
Am 4. November trafen sich wiederum hunderte Bürger im Hotel Stadt Eisenach zu einer weiteren Dialogrunde, die unter der Leitung des 1. Kreissekreträrs des Kulturbundes, Hajo Jacobs stand. Eine zentrale Frage war hier die Zukunft des Sommergewinns. Kontrovers war die Auseinandersetzung zwischen Bürgermeister Klapczynski und dem Vertreter der SED-Kreisleitung, der sagte, die Stadt sei Schuld am Rücktritt Gerhard Fischers vom Vorsitz der Sommergewinnszunft. Diese Aussage ließ den sonst sachlichen Bürgermeister kurzzeitig die Fassung verlieren. Verantwortlich für die Auflösung der Fachgruppe Sommergewinn war jedoch die SED-Kreisleitung. Die Namen wurden in der Versammlung genannt und im Nachgang auch personelle Konsequenzen gezogen.
Weitere Schwerpunkte der Veranstaltung waren die Manipulation der Kommunalwahlen im Mai des Jahres und Probleme der Innenstadtbebauung.
Damit endete eine ereignisreiche Woche. Innerhalb weniger Tage war ein demokratischer Prozeß in Gang gekommen, den die Bürger jahrzehntelang vermißt hatten. Das bekundeten sie nicht zuletzt mit ihrer massenhaften Beteiligung an den Veranstaltungen.
Gleichzeitig setzten sie ein deutliches Zeichen ihrer Mündigkeit und ihres Willens nach Veränderung in allen Teilen der Gesellschaft.
Teil 10: 9 November- der Tag als die Mauer fiel
Am Abend des Donnerstags, 9. November gab Günther Schabowski in einer Pressekonferenz in Berlin eine neue Reiseregelung bekanntgegeben, die jedem DDR-Bürger Privatreisen ins Ausland ohne besondere Voraussetzungen ermöglichen sollte. Anfangs herrschte Ungläubiges Staunen bei den DDR-Bürgern, als sie diese Nachricht im Fernsehen sahen. Doch im Laufe der Nacht öffneten sich unter dem Ansturm der Menschen die Grenzübergänge in Berlin.
Die Dramatik der Ereignisse auch in unserer Region zeigt der so genannte Lagefilm des „Operativen Diensthabenden“ beim Volkspolizeikreisamt Eisenach. Danach erhielt er von der Bezirksdirektion der Volkspolizei Erfurt am 9. November um 20.34 Uhr die Weisung, „alle Bürger, welche ständig aus der DDR ausreisen wollen, ab sofort nach der BRD passieren zu lassen.“ Um 22 Uhr meldete er, dass die ersten Bürger der DDR ausgereist seien. Mit Beginn des 10. Novembers erhielt er von der Grenzübergangsstelle (GÜSt) Wartha die Nachricht: „Ab sofort wird die GÜSt Wartha geöffnet, bzw. alle Personen können nach der BRD ausreisen. Zur Zeit stünden dort 80 Pkw. Und um 2 Uhr morgens schließlich meldete der Grenzposten: „Ca. 250 Kfz haben KP Wartha nach BRD passiert.“ Lakonisch fügte der Posten ans: „Sonst keine Besonderheiten.“
In den frühen Morgenstunden des 10. November füllte sich die Autobahn bei Eisenach. Nur schleppend vollzog sich die Abfertigung am Grenzübergang Wartha/Herleshausen. Angesichts der Menschenmassen, die es in den Westen zog, glich diese Grenzübergangsstelle einem Nadelöhr. Doch die DDR-Bürger ertrugen die Wartezeiten von zwei bis vier Stunden geduldig. Am 11. November staute sich der Verkehr dann auf der Autobahn bis nach Gotha (!) zurück.
In Eisenach bildete sich am 10. November vor dem Gebäude der Volkspolizei in der August-Bebel-Straße eine rund 100 Meter lange Schlange. Die Eisenacher wollen sich hier einen Stempel als Visum für die einmalige Ausreise geben lassen.
Leider fehlt die „Thüringische Landeszeitung“ vom 10. November im Stadtarchiv als Quelle. Die Gründe können verschiedene sein. Tatsache ist, dass Zeitungen in diesen Tagen im November eine begehrte Informationsquelle waren. Die produzierten Stückzahlen lagen in diesen Tagen weit hinter dem Informationsbedarf der Bürger zurück. Dies beschreibt sehr anschaulich ein Leserbrief am 11. November, den die Leserin mit „Ausverkauf an Zeitungskiosken“ überschreibt. Darin schildert sie ihre Bemühungen, am frühen Morgen eine Tageszeitung zu kaufen. Bereits wenige Minuten nach Öffnung des Zeitungskiosks um 7 Uhr waren sämtliche Tageszeitungen verkauft – selbst „irgendeine Tageszeitung“ hätte sie in Kauf genommen, doch nichts war mehr zu haben.
Diese Tage im November haben die politische Landkarte nachhaltig verändert. Eisenach hatte das Glück durch seine Grenznähe unmittelbar am Geschehen teilzuhaben. Die meisten Bürger nutzten diese Tage für einen Kurzbesuch „im Westen“, um zum Beispiel ihre bis dahin weitgehend unbekannte Partnerstadt Marburg zu besuchen. An diesen ersten Besuch erinnern sich die Eisenacher sicher gern - eine Erinnerung, die sie mit vielen teilen können.