Bundespräsident Frank‑Walter Steinmeier hatte am 1. Oktober im Schloss Bellevue 25 Bürgerinnen und Bürger anlässlich des Tags der Deutschen Einheit mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Unter den Geehrten war mit Ulrike Quentel die einzige Thüringerin. Gestern (27. November 2025) trug sich die Eisenacherin nun ins Goldene Buch der Stadt Eisenach ein. „Die Stadt ist stolz, und in diesem Zusammenhang ganz besonders. Von der Heiligen Elisabeth über Martin Luther bis hin zur Demokratiebewegung rund um das Wartburgfest spannt sich in Eisenach eine Geschichte des Mutes und des offenen Denkens“, sagte Oberbürgermeister Christoph Ihling. Diese Geschichte habe sich im Herbst 1989 fortgesetzt, als sich auch in Eisenach politischer Widerstand formierte. „Ihr damaliges Engagement, das sich bis heute fortsetzt, ist ein Vorbild“, würdigte er die Preisträgerin.
Beim Eintrag ins Goldene Buch war mit dem Oberbürgermeister, Bürgermeister Steffen Liebendörfer und dem Hauptamtlichen Beigeordneten Ingo Wachtmeister die gesamte hauptamtliche Stadtspitze zugegen. Dabei ließ die Ausgezeichnete die Geschehnisse vom Herbst 1989 Revue passieren. Als Mitglied der unabhängigen Initiative „Frauen für den Frieden“ setzte sich die damals junge Mutter zusammen mit anderen gegen staatliche Repression in der DDR und die Überwachung durch die Staatssicherheit (Stasi) für ihre Überzeugungen ein. Die Erfahrungen in den 1980er Jahren – Beobachtung durch die Stasi, Angst vor dem Entzug der Kinder durch den Staat, die atomare Bedrohung nach Tschernobyl sowie Verhaftungen im Freundeskreis – prägen das politische Bewusstsein der Stadt. Tagebücher und Dokumente, etwa das „Tagebuch der Revolution“ von Margot Friedrich, sind im Stadtarchiv aufbewahrt und unterstreichen die lokale Erinnerung an jene Zeit.
Lebenslanges Engagement für Gleichberechtigung und Zivilgesellschaft
„Es ist unglaublich, welche Resonanz diese Auszeichnung in der Bevölkerung hat“, berichtete Ulrike Quentel. „Viele dachten, solche Auszeichnungen erhielten nur alte Professoren. Die Reaktion war: ‚Nun hat es eine von uns bekommen‘.“ Zugleich betonte sie: „Es hätten so viele neben mir stehen müssen, die es ebenso verdient hätten.“ Denn manche späteren Initiativen, etwa das Eisenacher Frauenzentrum, das lange in der Wartburgallee zu finden war, und der Trägerverein des heutigen Frauenhauses, gehen direkt auf die Arbeit der „Frauen für den Frieden“ zurück.
Ulrike Quentel hat ihr Engagement nach der Wende nicht beendet. Seit 1990 ist sie Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Eisenach. Jahrzehntelang wirkt sie ehrenamtlich im Trägerverein des Frauenhauses mit, ist aktiv im Bündnis gegen Rechtsextremismus, engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde und für den christlich‑jüdischen Dialog und unterstützt das Wartburg‑Radio. Auch in landesweiten Frauenorganisationen ist sie seit Jahren vernetzt, unter anderem im Beirat der Evangelischen Frauen Mitteldeutschland und im Landesfrauenrat Thüringen.
Erinnern an Ereignisse im Herbst 1989 bleibt Auftrag
Für ihren nahenden Ruhestand plant Ulrike Quentel, ihre Erinnerungen und die Erfahrungen weiterer Eisenacherinnen und Eisenacher zu bündeln und für die nächste Generation aufzubereiten. Es sei für sie ein innerer Auftrag, die Bedeutung der Ereignisse des Herbstes 1989 im Bewusstsein zu halten und dokumentarisch zugänglich zu machen — ein Anliegen, das auch die Stadt Eisenach teilt.
Das jahrzehntelange Wirken für Demokratie, Gleichberechtigung und ein respektvolles Miteinander dürfe nicht der Vergangenheit verhaftet bleiben, sondern müsse in die Zukunft geführt werden, so ihre Überzeugung. „Es ist vieles besser geworden. Aber manchmal hat man das Gefühl, wo es einen Schritt voranging, geht es wieder zwei Schritte zurück“, machten ihr besonders ungezügelter Hass und Hetze gegen Frauen im Internet zu schaffen.



