Sie hängen aktuell im Foyer der Predigerkirche, zwei Bilder von obdachlosen Menschen des Eisenacher Fotografen Jürgen Sieker. Schlafend in der Pariser Metro, pikanterweise vor der Werbung eines Matratzenherstellers, und auf einem vergitterten Lüftungsschacht liegend, der abgeleiteten Wärme wegen. Der Bezug zu Elisabeth – der Thüringer Landgräfin und Heiligen, deren Wirken und Heilen den Ärmsten der Armen galt – ist offenkundig. Und so stehen die Fotografien direkt im Kontext der Kabinettausstellung „Bei uns vor dem Georgentor – 800 Jahre St. Annen“, die noch bis zum 17. Mai 2026 im Thüringer Museum Eisenach, Standort Predigerkirche, zu sehen ist.
Jürgen Sieker lebt und arbeitet seit 2004 in Eisenach und Paris. Seine Themen bilden unterschiedlichste Aspekte des menschlichen Daseins ab. Seit Ende der 1990er Jahre widmete sich der Künstler dem fotografischen Dialog mit Kunstwerken aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen der Welt. Ferner entstanden kunstvoll inszenierte Charakterstudien sowie Prominentenporträts unter anderem von Willy Brandt, Naomi Campbell und Bud Spencer. Und eben von Menschen, die weder Rang noch Namen haben.
Viele Stunden in Archiven verbracht
„Ich möchte den Unterstützern und unseren Mitarbeitern im Museum für ihr Engagement danken“, würdigt Ingo Wachtmeister, Hauptamtlicher Beigeordneter für Bürgerservice, Bildung, Jugend und Kultur sowie Vorsitzender des Stiftungsrates St. Annen. Dieses Beispiel zeige deutlich, wie unterschiedliche Sichtweisen und Erzählstränge miteinander verknüpft werden könnten. Inhaltlich und gestalterisch hat die Ausstellung Annett Jacobs, Mitarbeiterin im Thüringer Museum Eisenach, konzipiert. Uwe Schmähling, Küster der Annenkirche, unterstützte tatkräftig.
St. Annen war bis zum Jahr 1964 Stiftskirche. Das bedeutet, dass sie keinem Stadtbezirk zugeordnet war. „In die Annenkirche gingen alle, die man in den anderen Kirchen nicht haben wollte: Soldaten, als ,fromme Betschwestern‘ verunglimpfte Diakonissen, Witwen und Waisen“, blickt Uwe Schmähling auf seine Recherche zurück, die ihn ins Stadtarchiv, das Landeskirchenarchiv und das Hauptstaatsarchiv Weimar führte. Pfarrerin Cornelia Biesecke ist dankbar für dessen Arbeit: „Den Menschen in der Weststadt wird bewusst, wie lange schon Menschen in diesen Räumen gelacht haben, getrauert haben und getauft wurden.“
Immer wieder ist das karitative Wirken der Thüringer Landgräfin Elisabeth in der Stadt spürbar. Ihr wird die Gründung des Hospitals St. Annen und der zugehörigen Kapelle im Jahr 1226 zugeschrieben. So ist auch eine Bronzeskulptur der 1235 heiliggesprochenen Elisabeth in der Ausstellung zu sehen. Das zeitgenössische Werk des Künstlers Marcus Gläser ist angelehnt an die Elisabeth-Skulptur vor der Eisenacher Elisabeth-Kirche. Sie wurde dem Museum vom ehemaligen Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Eisenach, Monsignore Heinz Gunkel, im Jahr 2024 als Schenkung übergeben.
Zwei begleitende Veranstaltungen
Im Rahmen der Ausstellung werden im April und Mai zwei Veranstaltungen in der Predigerkirche angeboten:
Termin: 26. April 2026, 15 Uhr
Thema: Die Heilige Elisabeth - eine Wegbereiterin der modernen Hospizbewegung
Referent: Hans Plager, Verwaltungsleiter, Katholische Kirchengemeinde St. Elisabeth, Eisenach
Termin: 3. Mai 2026, 15 Uhr
Thema: St. Spiritus und St. Anna - zwei Spitäler in der Georgenvorstadt
Referent: Dr. Bernd Müller-Stückrad, Archäologe und Bauhistoriker, Eisenach
Das Museum bittet um telefonische Voranmeldungen zu den Veranstaltungen, Tel.: 03691 784 678. Das Team ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 13 Uhr sowie 14 bis 17 Uhr erreichbar. Mehr
Die Ausstellung wurde freundlich unterstützt von der Sommergewinnszunft Eisenach e.V., dem Gemeindebezirk St. Annen der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Eisenach, der Katholischen Kirchengemeinde St. Elisabeth, dem Stadtarchiv Eisenach und dem Förderverein Freunde des Thüringer Museums Eisenach e.V.




