Ulrike Quentel beendet nach 36 Jahren als Gleichstellungsbeauftragte der Eisenacher Stadtverwaltung Eisenach ihre berufliche Tätigkeit und geht in den Ruhestand. In einem Gespräch beantwortet sie Fragen nach ihrem Werdegang, nach Herzensprojekten und künftigen Herausforderungen.
Warum wollten Sie Gleichstellungsbeauftragte werden?
Ich bin in Eisenach und damit in der DDR aufgewachsen. Als Jugendliche habe ich mich bereits mit den von Staat, Schule, Familie und in der evangelischen Kirche vermittelten Werte auseinandergesetzt. Neben vielen anderen Themen nahm ich wahr, dass Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind. Vor allem Männer waren an den entscheidenden Stellen in den Betrieben und staatlichen Stellen, auch in den Parteien. Frauen haben sich zusätzlich zu ihrer Arbeit um Haushalt und Familie gekümmert und das war unter den damaligen Lebensbedingungen in der DDR oft sehr anstrengend. So wollte ich nicht leben. Als sehr junge Frau war ich ab 1983 in der unter dem Dach der Kirche bestehenden Gruppe "Frauen für den Frieden" in Eisenach. Wir hatten damals große Angst, dass aus dem Kalten Krieg durch das Wettrüsten ein alles vernichtender Atomkrieg entsteht. Aber wir haben uns auch mit Themen befasst wie die Rolle von Frauen in der DDR, Gewalt gegen Frauen, Sexismus und Umweltfragen. Diese Erfahrungen mündeten 1990 dazu, mich auf die Stelle als Gleichstellungsbeauftragte zu bewerben.
Wer hat sie ermutigt, sich bei der Stadtverwaltung zu bewerben?
Im Mai oder Juni 1990 wurden viele Stellen in der Stadtverwaltung ausgeschrieben, auch die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten. Ich hatte durch inzwischen bestehende Kontakte zu den Frauenbeauftragten in Marburg und im Landkreis Marburg-Biedenkopf und zu Frauen in Erfurt, dort gab es bereits seit März ein Frauenbüro, Vorstellungen über die Arbeit von Frauenbeauftragten. Viele Frauen aus unserer Gruppe waren an der friedlichen Revolution in der DDR beteiligt, wir trafen uns immer noch und sprachen auch über diese Ausschreibung. Ermutigt von diesen Frauen, bewarb ich mich mit konzeptionellen Vorstellungen, welche Aufgaben eine Gleichstellungsbeauftragte hat.
Können Sie sich noch an Ihr damaliges Bewerbungsgespräch erinnern?
Im Bewerbungsgespräch fragte mich der damalige Bürgermeister Dr. Brodhun, was das Ziel meiner Arbeit sei. Meine Antwort: die Stelle einer Gleichstellungsbeauftragten überflüssig zu machen. Er schaute mich fragend an, und ich ergänzte, dass dieses Ziel bis zu seiner und meiner Rente wohl nicht zu erreichen ist. Denn bis die wirkliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern erreicht sei, würde es noch viel mehr Zeit brauchen. Mit dieser Vorhersage hatte ich damals recht, aktuell spricht zum Beispiel das Weltwirtschaftsforum von Rückschritten und dass es noch mindestens 120 Jahre dauern wird, bis weltweit Geschlechtergerechtigkeit erreicht wird. In einem Ranking von 97 Staaten liegt Deutschland auf Platz 9.
Wie hat sich Ihr Aufgabenfeld von Beginn an bis heute gewandelt?
Zu Beginn meiner Arbeit musste ich immer aushandeln, dass ich beteiligt werde. Zum Beispiel ging es darum, an Bewerbungsverfahren teilnehmen zu können. Inzwischen gibt es viele konkrete Regelungen im Thüringer Gleichstellungsgesetz, auch, dass die Aufgaben der Gleichstellungsbeauftragten in allen Bereichen der Kommune angesiedelt sind. Also nicht nur Soziales, sondern auch Infrastruktur und Wirtschaft. Die digitale Entwicklung mit positiven und negativen Seiten bringt neue Aufgaben. Themen wie Medienkompetenz, digitale Gewalt und digitale Sicherheit gehören heute dazu.
Beschreiben Sie bitte Momente in Ihrer Arbeit, die Sie besonders stolz gemacht haben.
Es gibt keinen einzelnen Moment. Besonders stolz bin ich darauf, dass das Frauenhaus in Eisenach und die damit verbundene fachlich kompetente Arbeit gegen häusliche Gewalt trotz schwieriger finanzieller Zeiten in Eisenach immer bestehen konnte. Es gibt gute Netzwerke in unserer Region, auch unser Frauennetzwerk, das seit 1990 Arbeitskreis Frauen heißt. Informationen, Austausch und viele gemeinsame öffentlichkeitswirksame Aktionen und Veranstaltungen stehen hier im Mittelpunkt. So ein Netzwerk gibt es nur in wenigen Regionen in Thüringen.
Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist?
Zuallererst das Frauenhaus, der Arbeitskreis Frauen, außerdem die Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten in Thüringen und die Gruppe der in der DDR geschiedenen Frauen. Viele von ihnen müssen mit einer geringen Rente auskommen, weil sie keinen Versorgungsausgleich aufgrund der Scheidung bekommen und zusätzlich sehr oft selbst wenig Einkommen hatten. Diese Gruppe unterstütze ich seit vielen Jahren. Leider haben sie keine ausreichende politische Unterstützung. Sie kämpften erfolglos um einen Gerechtigkeitsfonds.
Wird das Thema Gleichberechtigung auch noch in den nächsten fünf Jahren aktuell bleiben?
Ja, denn noch immer sind zu wenige Frauen im Stadtrat und Kreistag, die politische Partizipation ist ein wichtiges Thema. Demokratie geht nicht ohne Gleichberechtigung. Leider gibt es gerade wieder mehr antifeministische und gegen Gleichstellung gerichtete Strömungen, besonders im digitalen Raum. Der Klimawandel wirkt sich unterschiedlich auf Frauen und Männer aus, die unbezahlte Sorgearbeit in Familie und Pflege bleibt weiter ein wichtiges Thema.
Welches Gesetz oder welcher städtische Beschluss sind für Sie Meilensteine gewesen?
Das Thüringer Gleichstellungsgesetz von 1998 wurde 2013 novelliert. Inzwischen braucht es wieder eine Überarbeitung, damit es unter veränderten Bedingungen weiter wirksam ist.
Was planen Sie jetzt für Ihre freie Zeit?
Ich bleibe ehrenamtlich engagiert im Trägerverein des Frauenhauses und im Gemeindekirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Eisenach. Ab Frühjahr 2027 gehöre ich der Landessynode der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland an. Im Wartburg-Radio 96,5 werde ich weiter meine Sendung zum Thema Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Frauenpolitik machen. Seit vielen Jahren habe ich mich mit unseren Vorfahrinnen, also Frauen, die in den vergangenen Jahrhunderten in Eisenach Besonderes geleistet haben, befasst und viele wiederentdeckt. Da möchte ich dranbleiben. Außerdem möchte ich meine freie Zeit genießen, also gern verreisen, Neues entdecken, einfach auch mal ein wenig treiben lassen.


